Unterwegs

Das Pyramidenpferd

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Im Jahr 2012 habe ich das Prince Fluffy Kareem Team in Kairo besucht und ihre Arbeit in Gizeh fotografisch dokumentiert. Ein Auszug aus dem Reisebericht war bereits in der Cavallo zu lesen, hier gibt es nun meinen kompletten Bericht.

Info:
 Sachspenden kommen aufgrund des korrupten Zollsystems meist nicht in Kairo an. Die Transportkosten sind oft viel höher, als der Inhalt des Paketes selbst. Daher bittet Marte vor allem um Geldspenden. Sie bekommt in Kairo fast alles zu einem viel günstigeren Preis.

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Das Gute sei gebunden an deine Stirnhaare, die Beute an deinen Rücken. Dir sei gegeben, den Unterhalt des Lebens zu erweitern. Ich habe deinen Besitzer zu deinem Freunde gemacht. Ich habe dich begünstigt vor allen anderen Lasttieren. Du sollst fliegen ohne Flügel und triumphieren ohne Schwert. Dein Name sei arabisch.“

– 
Aus dem Koran

„In der ersten Zeit saß ich mit gesenktem Kopf im Taxi und habe mir die Augen zugehalten. Ich konnte mir das Elend der Tiere nicht ansehen“, sagt Marte, die zierliche, blonde Norwegerin. Wir biegen gerade von der Autobahn ab. Die Pyramiden am Rande Gizehs sind schon längst zu sehen. Vorbei an staubigen, fassadenlosen Häusern und gigantischen Müllbergen an den Straßenrändern nähern wir uns Kairos Touristen-Hochburg. Dies merkt man nicht zuletzt an den Einheimischen, die wild gestikulierend das Taxi aufhalten und uns Kutschfahrten und Wüstenritte auf den „besten Pferden“ aufdrängeln wollen. Es genügt ein Blick von Sherif, der auf dem Beifahrersitz mitfährt, und die Leute wissen Bescheid: Wir sind keine Touristen, sondern gehören zum Team „Prince Fluffy Kareem“.
Nur ein paar hundert Meter vom Eingang zu dem letzten noch existierenden Weltwunder der Antike hält das Taxi an. In den Straßen scheint die Zeit stehen geblieben zu sein, denn statt Autos oder Motorrädern sieht man hier fast nur noch Pferde, Esel und Dromedare, die als Transportmittel genutzt werden. Sherif schließt die Metalltür eines unscheinbaren Hauses auf. Dahinter verbirgt sich der gemietete Pferdestall des Prince Fluffy Kareem – Teams. Es ist eine Kuriosität, die uns oft in Kairo auffällt: Hinter vielen Haustüren, kleinen Gassen oder Mauern verbergen sich Behausungen für Reittiere. Entlang eines schmalen Ganges gibt es in Martes Stall acht Pferdeboxen. Die Mauern sind hoch, die Boxen eng und dunkel. Der gesamte Untergrund des Traktes ist mit Sand ausgefüllt und wird von Ameisen bevölkert. An der Decke drehen sich Ventilatoren, einige zirkulieren schon recht abenteuerlich um ihre eigene Achse. Doch verglichen mit den anderen Tieren draußen auf den Straßen leben die Pferde des Teams nahezu in himmlischen Verhältnissen. 

Fast 2000 Pferde sind am Fuße der Pyramiden zuhause und die meisten davon haben einen Knochenjob. Bis zu 20 Stunden am Tag ziehen die Tiere ungebremste Karren, vollbesetzt mit Fahrgästen, durch tiefen Wüstensand oder hoch zu den Pyramiden. Andere tragen einheimische und ausländische Touristen stundenlang auf ihrem Rücken durch die Gegend oder werden von ihren Besitzern im wilden Galopp über die asphaltierten Straßen gejagt. Die Wüstensonne brennt ungnädig.

Für Tierfreunde offenbart sich in Gizeh ein Bild des Grauens. Dehydration, Hunger, herausragende Hüftknochen, kaputte Gelenke, tiefe Fleischwunden, Malaria, Hufrehe, Infektionen. Die Liste der gesundheitlichen und gar psychischen Missstände der zu Arbeit verknechteten Tiere ist lang. Oft sind sie nur noch wandelnde Skelette.

Wir geben den Pferden in Martes Stall Wasser. Mr. Wither (dt. Herr Verwelkt) ist zur Zeit nur als „Foster Fluffy“, als Pflegetier in der Obhut des Teams. Die zwei Stuten Na3Na3 und Susu sowie die Hengste Raffraff, Shaun, Rambo und natürlich Namensgeber Kareem gehören dem Team. Sie sind allesamt aus katastrophalen Lebensumständen gerettet worden.
Wir packen zwei große Koffer aus, die bis oben hin mit Medizin, Halftern, Pferdeputzzeug, Zaumzeug und anderen Sachspenden aus Deutschland vollbeladen sind. Marte und Sherif können ihren Augen kaum trauen, als wir immer mehr nützliche Dinge zum Vorschein bringen. Besonders Sherif freut sich über den arzneilichen Nachschub. Wundmedizin ist knapp. Eine Wundpuderlieferung mit über 50 Dosen ging im korrupten und beinahe anarchistischen Zollsystem verloren und viel Geld, um Zollbeamten zu schmieren, bleibt nicht übrig. Gerade als der 32 jährige Ägypter nach strengem Ordnungsprinzip die letzten Dinge in der viel zu kleinen Sattelkammer verstaut hat, ruft jemand von draußen nach ihm. Die ersten Patienten des Tages sind eingetroffen. Vor der Tür warten ein kleiner Junge mit seinem weißen Hengst sowie ein Dromedar mit Reiter. Unter lautem Protest legt sich das große „Wüstenschiff“ hin. Zur Sicherheit werden ihm die Vorderbeine zusammengebunden, so dass ein Aufstehen unmöglich ist. Die Behandlung wird weh tun. Der Reiter nimmt Sattel und Decken vom Rücken des Tieres. Darunter klafft eine riesige Fleischwunde vor dem Höcker. Sherif verdreht entnervt die Augen. „Einige Leute nehmen unsere Hilfe sehr gut an und befolgen die Tipps“,  sagt Marte. „Sie kommen regelmäßig und lassen ihre Tiere behandeln oder setzen Anweisungen um. Andere wollen von uns nur etwas umsonst haben, wie beispielsweise ein neues Halfter oder eine Malariabehandlung, obwohl das Pferd gar nicht erkrankt ist. Einigen Leuten erzählt man eintausend Mal die gleichen Dinge, etwa dass man auf einen wunden Rücken keinen Sattel legen sollte und dass die 20h-Jobs zu viel für die Tiere sind. Vergebens.“

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Sage nicht: Dies ist mein Pferd. Sage: Dies ist mein Sohn.“
– 
Aus dem Koran

Es ist nicht nur eine Frage des Geldes, die Tiere in Kairo richtig zu versorgen. Es ist viel mehr und vor allem eine Frage der Bildung und des Interesses. Die meisten Menschen aus der Gegend haben noch nie einen intakten Herdenverband gesehen. Sie kennen nicht das Leben des Pferdes in der grünen Natur. Kinder wachsen auf, ohne jemals das Gefühl von Gras unter den Füssen zu spüren. Später jedoch begegnen wir Shaban, einem engen Freund des Prince Fluffy Kareem Teams. Er lebt seit 42 Jahren mit Pferden zusammen, hat eine Kutsche und wartet täglich auf Touristen, ohne sich diesen jedoch penetrant aufzudrängeln. Für ihn sind seine Tiere keine Maschinen. Er versucht dem Ausbruch einer schlimmen Infektion oder Gelenkkrankheit bereits im Vorfeld entgegenzuwirken und versorgt sie anständig, ohne dass er jemals viel Geld besessen hat.
Außerhalb der Touristenstraßen fällt außerdem auf, dass die Lasttiere der Obst- und Gemüsehändler wohlgenährter und gesünder aussehen.  „Die Farmtiere stehen besser im Futter als die Touristenpferde. Die Farmer haben einen anderen Bezug zu ihren Pferden. Die Touristenpferde müssen täglich arbeiten, um das Geld zu verdienen. Farmer leben dagegen vom Verkauf ihrer Ernteprodukte“, gibt uns Marte zu verstehen. 

Sherif reinigt unterdessen die Wunde seines vierbeinigen Patienten. Er schneidet das Fleisch bis auf den blanken Knochen frei. Das Dromedar brüllt. Mit den neuen Medikamenten aus Deutschland fühlt Sherif sich wie ein Oberarzt und Apotheker zugleich. Er schickt Marte wie seine Assistenten herum und ordert die Dinge, die er für die Behandlung braucht. Seit seinem 13. Lebensjahr arbeitet Sherif nun schon mit Pferden. „Er muss als Kind sehr stark gewesen sein, da die Stalljungen oft geschlagen werden“, erzählt Marte. Aus den vielen Ställen, in denen er beschäftigt war, hat er sich ein gutes Fundament an Pferdewissen aufgebaut. In Gizeh gilt er als Tierarzt. Auch ohne zertifizierten Universitätsabschluss, denn dieser bescheinigt in Kairo gar nichts. Jeder könnte sich diesen käuflich erwerben und selbst wenn man Tiermedizin studiert hat, sind die gelehrten Methoden eher fragwürdig. Sherif wird in den Straßen der Pyramidenregion respektiert und geachtet. Geht man mit ihm durch die Viertel, dauert es nicht lange, bis man von allen Seiten seinen Namen hört, eine Handvoll Männer um ihn stehen und ihm kranke oder verletzte Tiere zeigen. „Sherif kann keine hilfsbedürftigen Pferde wegschicken, weil sie auf die menschliche Hilfe angewiesen sind.  Dann und wann ist er dabei sehr aufreibend, verletzend und forsch mir gegenüber, wenn wir über einen Fall diskutieren, sodass ich manchmal draußen im Paddock sitze und weine“,  sagt Marte.
 Sie selbst ist 2007 von Norwegen nach Kairo gezogen, um den orientalischen Tanz im „Mekka“ für Tänzerinnen zu lernen und als solche in der Wüstenstadt zu arbeiten. 2011 dann begann das erste Kapitel der Prince Fluffy Kareem – Geschichte mit dem Kauf einer Stute. Na3Na3 bestand nur noch aus Haut und Knochen, war dehydriert und lag seit Tagen in ihrem Urin und Kot. Marte investierte das Meiste ihres knappen Geldes in das Tier. Die Auftragslage für Tanzauftritte brach jedoch mit dem arabischen Frühling stark ein.  Es waren sehr harte Zeiten.Damals konnten sich Sherif und Marte noch gar nicht leiden. Doch Sherif, der im gleichen Stall arbeitete, in dem Martes Stute eingestellt war, hatte einen guten Ruf als Tierarzt und half ihr beim Versorgen des Pferdes. „Er war sehr arrogant und konnte nicht verstehen, wie ich so ein Pferd wie Na3Na3 kaufen konnte. Doch durch die Zusammenarbeit freundeten wir uns dann doch schließlich an“, erzählt Marte.

Schon einen Monat später nahm sie auch den Hengst Kareem bei sich auf, mit dem das Projekt erst richtig in Fahrt kam. Kareems Körper war ausgemergelt und überall verwundet. Er konnte sich nicht aus eigener Kraft auf seinen Beinen halten, musste mit Stricken stabilisiert werden und bekam eine Infusion. Ein kleines Häufchen Elend. In dieser Zeit nahm sich auch Narieda, eine zugezogene Australierin, deren Pferd ebenso in diesem Stall untergebracht war, den Aufgaben von Marte und Sherif an und rundete das Team ab.

Es war nie Martes Idee ein Pferdeschutzprojekt zu gründen und dieses gar in der ganzen Welt bekannt zu machen. Mit SuSu, der arabischen Schimmelstute, sollte eigentlich Schluss sein. Doch das Schicksal nahm einen anderen Lauf. Zunächst publizierte eine Bekannte, die den Schimmelhengst Kareem damals auf dem Pferdemarkt entdeckt hatte, in sozialen Netzwerken über seine Geschichte.

„Seine Hoheit“, wie er heute scherzhaft genannt wird, erhielt einen Namen mit „K“, um an die verstorbene Schwester der Bekannten zu erinnern. „Prince“ (dt. Prinz) wurde hinzugefügt, weil die Ägypter, kontrovers wie es klingen mag, ihre Pferde gern als majestätische Geschöpfe sehen und „Fluffy“ (dt. flauschig), weil Kareem trotz seines körperlichen Zustandes ein weiches Fell hatte. Somit waren der Name und die Facebookseite gegründet, die nach kurzer Zeit so viel Aufmerksamkeit auf sich zog.
„Prince Fluffy Kareem ist sicher kein seriöser Name“, sagt Marte „Doch etwas Humor ist besser als vergeudete Tränen.“ Sie weiß selbst, wie seriös sie mit dem Team arbeitet. Heute zählt die Facebookseite schon über 13.000 Fans aus aller Welt.
Mit dem digitalen Tagebuch über Kareems, Na3Na3s und Susus Genesung erhielt das dreiköpfige Team unerwartet viele Geld- und Sachspenden. Damit waren sie in der Lage, neue Projekte anzukurbeln. Für die unzähligen wunden Pferderücken begannen sie stark gepolsterte Satteldecken mit dem Schriftzug „Team Kareem“ in einer beheimateten Näherei anfertigen zu lassen. Marte kümmerte sich um Kontakte zu Fachpersonal aus aller Welt. Dr. Jude, eine Tierärztin aus Australien kam bereits Anfang des Jahres nach Kairo, um dort das große Hufreheproblem gemeinsam mit Prince Fluffy Kareem in Angriff zu nehmen. Sie klärte die Leute über korrekte Fütterung, Haltung sowie Hufpflege auf und schulte das Team in tierärztlichen Angelegenheiten. Im August war der Pferdedentist James Sheppard aus England Gast im Stall und behandelte viele Gebisse und Zahnprobleme der einheimischen Pferde. Mithilfe eines skelettierten Pferdekopfes, den Marte Tage zuvor mit Narieda in der Wüste gefunden hatte, zeigte er Marte & Sherif einige nützliche Kniffe und Tricks beim Raspeln der Pferdezähne. Hin und wieder kommt auch Sofia, eine junge Ungarin, in den Stall um zu helfen. Sie und Marte kennen sich vom Tanzen und sind sehr gute Freundinnen.

Mittlerweile ist das Projekt ein Selbstläufer. Marte wird täglich mit Anfragen aus aller Welt überhäuft. Leute bieten Sachspenden, Hilfe und Geld an. Längst sind die organisatorischen Aufgaben zum Vollzeitjob für sie geworden für den sie sich völlig aufopfert.

Sherifs Patient ist für heute fertig mit der Behandlung. Der Sattel wird auf die frisch verarztete Wunde gelegt und der Ritt für Reiter und sein Dromedar geht weiter in den warmen Nachmittag hinein. Nun ist der Junge mit seinem Hengst an der Reihe. Das Vorderbein ist stark geschwollen und kann nicht belastet werden. Nach kurzem Überlegen behält das Team den Schimmel da und gibt ihm eine Box, damit er ausruhen kann. Er wird mit Futter, Wasser und einem medizinischen Verband versorgt und gilt nun als Foster Fluffy. Der Junge wird die folgenden Tage regelmäßig mit seinem Vater nach dem Tier schauen.

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Alle Schätze dieser Erde ruhen zwischen deinen Augen. Meine Feinde sollst du treten unter deine Hufe, meine Freunde aber sollst du tragen auf deinem Rücken.“

– Aus dem Koran

Der Wagen rollt vor und plötzlich sitzen wir zu viert in einem Karren, der eigentlich nur Platz für zwei Leute bietet. Typisch für Kairo. Wir fahren an der großen Betonmauer entlang, die das gesamte Pyramidengebiet mit sämtlichen archäologischen Ausgrabungsstätten weiträumig umzäunt. „Vor zwei oder drei Jahren wurde diese Mauer gebaut, als man feststellte, dass zu viel aus den Gräbern geklaut wurde“, berichtet Marte. Entlang der Mauern sieht man die Touristenpferde aufgereiht stehen. Einige sind angebunden, andere laufen frei durch die Straßen und finden von selbst ihren Stellplatz. Die Leute kennen sich und ihre Pferde, scheuchen Irrläufer in die richtige Richtung. Die, die sich keinen Stall leisten können und somit auch keinen Platz für das Zaumzeug der Tiere haben, lassen die Pferde Tag und Nacht gesattelt. Fatal für die Heilung der Fleischwunden darunter.
Hinter einer Reihe von Pferden, Eseln und Dromedaren am Rande einer kleinen Mülllandschaft entdecken wir ein liegendes Pferd. Sherif stoppt den Wagen. Auf den ersten Blick erscheint es reglos, doch als wir uns nähern, bewegt es sich. Flacher Atem, ein Stöhnen, die Glieder verkrampfen sich, ein Japsen nach Luft. Wir gehen um das Tier herum und Marte zeigt auf einen blutigen Spalt direkt über dem Auge, der aussieht, als hätte jemand mit einer Axt auf den Pferdeschädel eingeschlagen. So etwas hat sie noch nicht gesehen, sagt sie. Am Rücken klafft eine riesige offene Wunde, direkt über der Wirbelsäule. Die Hinterläufe scheinen dadurch funktionsuntüchtig zu sein. Uns stockt der Atem, das Pferd keucht. Sherif versucht es am Hals aufzurichten, testet, ob das Tier den Willen hat aufzustehen. Vergeblich, es sackt wieder zusammen, röchelt weiter. „Wenn es nur Malaria hätte oder die einzigen Probleme die Dehydrierung und der schlechte Futterzustand wären, dann könnten wir es aller Wahrscheinlichkeit nach retten. Doch mit diesen Wunden ist es der beste Weg, wenn wir es schnell erlösen“, sagt Marte. Sherif geht in ein Haus auf der anderen Straßenseite und versucht den Besitzer ausfindig zu machen. Um uns tummelt sich mittlerweile eine Schar von Kindern. Erst jetzt interessieren sie sich auch für das sterbende Tier. Sherif kommt mit einem Eimer Wasser zurück und lässt das Pferd trinken. Es säuft begierig und genießt die kleine Dusche, die Sherif ihm mit dem Rest des Wassers gönnt, um den Kopf zu kühlen. Wir schieben ihm etwas von dem abgemähten Gras herüber und beobachten, wie es zu fressen beginnt, sich am Leben erhält. Pferde sind extrem zähe Tiere, die bis zur letzten Sekunde um ihr Überleben kämpfen. Mittlerweile hat Sherif die Telefonnummer des Besitzers erhalten.

Barsch verkündet dieser, dass wir uns von seinem Tier fern halten sollen und legt auf. Wir dürfen ihm den Weg ins Jenseits nicht erleichtern. Gott allein soll über das Schicksal des Pferdes entscheiden. Ein Pferd einfach gegen die Entscheidung des Besitzers töten? Unmöglich in einem arabischen Land und erst recht in den Straßen Gizehs, wo jeder jeden kennt. Die Familien sind weit verstrickt, Marte vergleicht dies mit einer Pferdemafia. „Würden wir dieses Pferd trotzdem einfach töten, würden Besitzer, Familie und Freunde uns die Stalltür einrennen, um Geld für das getötete Tier zu verlangen. Das Vertrauen unserer Kundschaft würde verloren gehen. Hast du Probleme mit einem Pferdebesitzer, hast du auch Probleme mit seiner ganzen Familie. Außerdem zählen Pferde in Kairo auch als Eigentum. Die unerlaubte Tötung eines Tieres ist eine Straftat. Niemand möchte in einem arabischen Land das Gefängnis riskieren. Niemand möchte den Zorn der Familie spüren, wo man heutzutage jederzeit an Schusswaffen gelangt. Wir können nichts machen“, erzählt Marte.

Als sie am Abend ein paar Bilder und einen kurzen Film von dem sterbenden Pferd auf die Facebookseite stellt, entbrennt sofort eine heftige Diskussion. Viele Leute aus westlichen Ländern können die Situation nur schwer begreifen, kommentieren diese mit vorlauten Statements. Sie fordern eine harte Bestrafung der Besitzer bis hin zur Todesstrafe oder beteuern, dem Tier vor Ort schon längst ins Jenseits geholfen zu haben. Doch Marte gibt sich schlagfertig: „Vor dem Laptopbildschirm sind wir alle taff und mutig. Doch wer einmal alleine in einer Kairoer Gasse, bei einem sterbenden Pferd steht und die Gepflogenheiten in diesem Land kennt, der handelt deutlich überlegter. Hier passieren dir schlimmere Dinge als der Tod.“
 Es geschieht oft, dass sie Pferde im Müll zurücklassen muss, ohne etwas tun zu können. Auch wenn sie dies schon häufig erlebt hat, wird es nicht einfacher. Gerne würde sie 200 ägyptische Pfund an den Besitzer bezahlen, um ein sterbendes Tier zu erlösen. Doch wenn sie einmal damit anfängt, kommen hunderte von Leuten und lassen ihre Tiere gegen Bezahlung einschläfern. Aus ähnlichen Gründen nimmt sie bisher auch kein Geld für die medizinische Behandlung am Stall. Sie möchte, dass die Leute regelmäßig kommen und ihre Tiere behandeln lassen. Den Vierbeinern zuliebe. 
„Wenn du aus dem Westen kommst, musst du dir die Kultur, die Denkweise aneignen oder zumindest versuchen sie zu akzeptieren. Sonst macht Kairo dich kaputt.“ Pferde, die aufgrund schwerer Knochenbrüche oder Überbelastung nutzlos sind, werden zum Sterben in den Abfall geworfen. Manche Besitzer versuchen mit stumpfen Messern ihre Kehlen aufzuschneiden, lassen die Pferde qualvoll verbluten. Andere werden in der Wüste ausgesetzt, um dort zu verdursten. Aus den Augen aus dem Sinn. Das ist hier so.

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4

Aus Sonne und Wind, Ihr Götter, habt Ihr ein Pferd gemacht.“
– Arabisches Sprichwort

Wir können nichts machen auch wenn uns das Herz blutet, und setzten unsere Kutschfahrt fort. Sherif lenkt uns in enge Sandstraßen, die links und rechts von hohen Mauern umgeben sind. Dahinter verbergen sich die etwas höherwertigen Pferdeställe und einer von ihnen ist unser Ziel. Am Ende einer Gasse hält er an und parkt den Pferdekarren ein. Wir betreten einen bepflanzten, recht kleinen Hof und werden von einigen großen, runden, arabischen Pferdeaugen begutachtet. Kairo ist eine Stadt voller Widersprüche und Kontraste. Die Pferde des Stalles sehen sehr edel und wohlgenährt aus, gerade so, wie man sich das arabische Vollblut in seiner ganzen Schönheit vorstellt. Erst in der zweiten Reihe des Stalles gibt es zwei oder drei Stuten, die von Hufrehe betroffen sind und viel zu dünn aussehen. Immerhin sind dies keine Touristenpferde, auch wenn sie noch längst nicht in die High-Society der arabischen Pferdezucht gehören. Ein Bruder des ehemaligen Al-Qaida-Kopfes Bin-Laden veranstaltet ab und an eine Pferdezuchtschau in Kairo. Hier werden Pferde für bis zu umgerechnet 35.000 Euro versteigert. Spitzenpreise von bis zu 1,5 Millionen Euro pro Tier werden von ganz wenigen Züchtern erreicht. Doch auch die wohlhabenden Pferdebesitzer haben ihre Grünanlagen nur zu Dekorationszwecken. Die Pferde laufen auch bei ihnen nicht auf saftigen Weiden.Zurück im Stall wird Sherif schon von den nächsten Patienten erwartet. Während er sich um die üblichen Krankheitsbilder wie Malaria, Fleischwunden und geschwollene Gelenke kümmert, wird Marte von einem ägyptischen Mann in gutem Englisch angesprochen. Auf seinem Hemd ist ein Logo zu sehen, dass auf eine andere Tierschutzorganisation deutet. Wenig später kommt sie aufgebracht in den Stall und erzählt: „Diese Organisation hat uns im letzten Jahr noch total ignoriert. Sie haben nicht mal „Hallo“ gesagt, als Kareems Seite schon längst mehr Aufmerksamkeit aus aller Welt auf sich zog. Ich habe ihnen angeboten, auch an Dr. Judes tierärztlichen Vorträgen teilzunehmen, da es auch bei deren „Spezialisten“ große Defizite gibt. Sie behandelten uns von oben herab und haben sogar behauptet, dass ich dies alles nur für Ruhm und Anerkennung mache, weil ich eigentlich eine Tänzerin bin. Es ist, als würde es einen Wettbewerb unter den verschiedenen Tierrechtlern geben: Die, die mehr Tiere gerettet haben, sind die besseren. Ich möchte mich daran nicht beteiligen! Und plötzlich, wo unsere Seite schon über 12.000 Fans hat, werden wir interessant. Die Vorgesetzte des Vereins möchte, dass ich mich bei ihr melde. Sie will mit mir zusammenarbeiten.“ Marte lacht.Am nächsten Tag bereiten wir die Pferde des PFK Teams auf das Shooting vor. Sherif hat die Tiere am Morgen bereits gewaschen. Nun werden die Nüstern und Augen mit Paraffin zum Glänzen gebracht. Sofia ist auch dabei und hilft uns. Besonders Kareem setzt sich in Szene, präsentiert sich stolz, wiehert, als ob er sagen wollte „Ich bin zurück im Leben“. Später erkennt Marte ihren Hengst auf den Fotos kaum wieder. Sie platzt vor Stolz. Sherif gibt sich betont unbeeindruckt. Marte lacht und übersetzt uns seinen arabischen Kommentar:

„Ich habe dieses Pferd jeden Morgen auf seine Beine gehoben, weil es aus eigener Kraft nicht stehen konnte. Ich habe es jeden Tag versorgt. Und ich war der Einzige der geglaubt hat, dass Kareem überleben wird. Ich lasse mir von diesem Schauspieler nichts vormachen!“

Am Abend, als die Sonne schon längst hinter den Wüstendünen verschwunden ist, kommen die meisten Leute mit ihren Tieren zur Behandlung. Das pulsierende Leben in Kairo beginnt erst gegen 16 Uhr am Nachmittag und hält bis lang in die kühle Nacht hinein an. Doch in dieser Nacht macht ein Pferd besondere Sorgen: Die Atemwege sind zugeschwollen, es bekommt kaum Luft. Der ganze Kieferbereich ist dick. Mit Nadeln wird Eiter abgelassen und schnell steht fest, dass ein Drusepatient vor der Tür des Stalles steht. Diese bakterielle Infektion endet ohne Antibiotikabehandlung meist tödlich und ist hoch ansteckend. Und das in einer Stadt, in der die Tiere dicht an dicht leben und es kaum eine Chance gibt, den hohen hygienischen Ansprüchen, die diese Krankheit fordert, gerecht zu werden. Unsere Gedanken gehen nach Hause, zu den heimischen Tieren.Wir müssen alle unsere Sachen desinfizieren, wenn wir nach Deutschland zurückkehren. Ein für uns immerhin lösbares Problem. Für Marte, Sherif, Sophia und Narieda stellt diese Krankheit jedoch eine große Herausforderung dar.

Aber es wird eine Zukunft für das Prince Fluffy Kareem Team geben. Dr. Jude und Dentist James werden beide zurückkehren und ihre Arbeit mit dem Team fortsetzen. Ein kürzlich gekauftes, kleines Landstück wird mit einer Wasserleitung ausgestattet und als Auslauf für die Pferde dienen. Marte denkt über einen Reitservice für Touristen nach, um eine Möglichkeit zu schaffen auch gesunde Pferde zu reiten. Ebenso wäre ein Leihangebot für die einheimischen Pferdebesitzer vorstellbar. Somit könnten sich kranke Tiere eine Zeit im Stall ausruhen, ohne dass der Halter auf eine tierische Arbeitskraft verzichten müsste. Bald möchte das Team außerdem die Katzenproblematik in Gizeh angehen und Tiere kastrieren.

Marte dachte einst, dass sie für immer in Kairo bleiben könnte. Aber es kommen ihr  manchmal Zweifel. Denn der arabische Frühling, die Aufstände, der Waffenhandel, der Auftragsrückgang und nicht zuletzt die sexuellen Übergriffe machen das Leben in Kairo nicht einfacher. Noch fühlt sie sich in Gizeh und in ihrem Wohngebiet an Sherifs Seite sicher. Doch Sofia denkt bereits über die Heimreise nach Ungarn nach.

Ein paar Tage nach unserer Rückkehr brechen erneut Unruhen in Kairo aus. Ein Video, dass Mohammed ins Lächerliche zieht, kursiert im Internet. Ein aufgehetzter Mob stürmt westliche Botschaften, Straßensperren werden errichtet. Es gibt Tote. Wir denken mit großer Sorge an die kleine Norwegerin mit den langen blonden Haaren und ihr Team, die sich inmitten der Wirren um die Tiere kümmert. Jetzt bekommen sie noch weniger Futter oder medizinische Versorgung , denn wieder bleiben die Touristen aus, die das Geld in das Land bringen…

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